Reconnect – Kunst und Archiv

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Anlässe
Nika Timashkova & Anna Byskov während einer Performance. Foto: Kathrin Schulthess / Christoph Merian Stiftung

Wie wird ein Archivdokument Teil einer künstlerischen Installation? Was verbindet ein Tagebuch aus Basel mit einer Villa in Augst und mit der Welt? Das lässt sich am 15. Juli entdecken, im Projekt «Thinking in Mosaics» – Lecture-Performance & Installation.

Die Künstlerinnen Nika Timashkova und Anna Byskov verwenden historische Ereignisse, Fakten und Geschichten und weben diese in einen kollektiven künstlerischen Prozess ein. Seit einigen Jahren beschäftigen sie sich mit der hiesigen Textilindustrie und ihrer Geschichte im Dreiländereck. Eine Geschichte, deren wirtschaftliche und soziale Verbindungen bis heute spürbar sind. Auch die Biographie von René Clavel, der sich nach einer Lehre bei einem Basler Seidenfärber in Mulhouse zum Textilchemiker ausbilden liess, ist geprägt von der Textilindustrie und dem Austausch zwischen der Region Basel und dem Elsass.

Wer war René Clavel? Er wurde 1886 als Sohn des Seidenfärbers Alexander Clavel-Merian (1847-1910) und Emilie Maria Clavel-Merian in Kleinhüningen in ein vermögendes Umfeld geboren. Sein Grossvater war der aus Lyon eingewanderten Seidenfärber Alexander Clavel-Linder (1805-1873). 1913 heiratete er Ella Simonius und trat in die väterliche Färberei und Appretur Gesellschaft (FAG) ein. Er machte ein Vermögen durch die Lizenzgebühren eines 1916 entwickelten Verfahrens, das erstmals möglich machte, Azetatseide zu färben. Ab 1864 fand die Farbstofffabrikation an der Klybeckstrasse 198 statt. Die Fabrik ging in der späteren Ciba, nachmalig Ciba-Geigy und heute Novartis auf. René Clavels Begeisterung für die Antike liess ihn 1918 einen Landsitz in Castelen, Augst bauen. Mit 32 Jahren übernahm er die dortige benachbarte Villa Castelen. Er liess die damals noch weitgehend unbekannte Römerstadt in Augst rekonstruieren und rief die Stiftung Römerhaus Augst ins Leben. Ihr vermachte er einen Grossteil seines Vermögens. Die Grosswildjagd war Clavels Steckenpferd. Er betrieb sie auch in Afrika und Kanada. Bekannt wurde René Clavel auch als Aviatik-Pionier. Während des Ersten Weltkriegs wurde er nach einer 30-stündigen Irrfahrt durch einen Sturm mit einem Ballon auf der Krim als vermeintlicher Spion verhaftet. Er erwarb das Pilotenbrevet und war Mitbegründer des Flughafens Sternenfeld, des Aero Clubs und der Balair.

René Clavel hinterliess im Staatsarchiv ein Privatarchiv mit zahlreichen persönlichen und beruflichen Zeugnissen. Hier haben die beiden Künstlerinnen geforscht und Impressionen gewonnen, die sie in ihrer künstlerischen Auseinandersetzung vertiefen. Die Recherche verdichtet sich zu einer künstlerischen multimedialen Produktion, welche Skulptur, Video, Performance, Fotografie und Installation beinhaltet. Bei der öffentlichen Projektpräsentation erhält das Publikum in Form einer Lecture-Performance Einblick in die Recherche, die Dokumente und die Interpretation, welche die beiden Künstlerinnen während ihrer Residenz in der Villa Clavel entwickelt haben. Es entsteht eine Art Collage, die verschiedene Zeiten vereint und die Vernetzung von Orten, Technik, Wissen und Menschen zwischen Mulhouse, Basel und Augst beleuchtet: von der Römerzeit, über das 19. Jahrhundert und die Lebenszeit René Clavels bis in die Gegenwart. Begleitet wird die Lecture-Performance von einer Reihe von «Thinking in Mosaics», die eine fragmentierte und organisierte Art des Umgangs mit historischen Fakten und Interpretationen darstellen. Eingebettet in ein Geflecht von Geschichten, die darauf warten erzählt zu werden.